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PostHeaderIcon Innensenator des Landes Berlin, Dr. Ehrhart Körting, äußert sich zur multireligiösen Gesellschaft

Religion - Islam



Senator für Inneres und Sport in Berlin Dr. Ehrhart Körting; Quelle: morgenpost.de

Auszug aus dem Artikel 'Die multireligiöse Gesellschaft' (Der Tagesspiegel 30.09.09) vom Innensenator des Landes Berlin Ehrhart Körting. Ich habe diesen Artikel deswegen interessant gefunden, weil Erkenntnisse eines Politikers in Bezug auf den Islam geäußert werden, die meines Erachtens auch auf neue religiöse Bewegungen zutreffen.

Wir sprechen kaum über Religion oder allenfalls abwehrend wie über etwas Störendes. Religiös begründete Verhaltensweisen sind uns besonders im Islam suspekt. Ich erinnere an unsere Kopftuchdebatte, an die Diskussion um Schwimmunterricht und Teilnahme an Klassenfahrten von muslimischen Mädchen. Das Misstrauen gegenüber der Religion ist aber nicht auf den Islam beschränkt. So sind wir alle empört, wenn Papst Benedikt XVI. sich zur Verhütung und Abtreibung aus katholischer Sicht äußert.

Meistens gehen wir der religiösen Frage aus dem Wege, indem wir die Fragestellungen nach der Vernunft beantworten: Das Kopftuch ist zugleich Symbol der fehlenden Gleichberechtigung der Frau. Nichtteilnahme am Schwimmunterricht und die Nichtteilnahme von Mädchen an Klassenfahrten benachteiligt die Mädchen. Nichtverhütung und Verbot der Abtreibung bringen Frauen in kaum lösbare Konfliktsituationen. Dies alles ist rational nachvollziehbar.

Ist aber nur die säkulare, auf Vernunft begründete Antwort die richtige? Mit der Zuwanderung aus islamischen Ländern ist eine neue Religiosität in unseren Alltag gekommen, mit der wir noch nicht umgehen können. Wir sagen großzügig „Ja“ zum Moscheebau, aber die Minarette dürfen nicht höher als die Kirchtürme sein. Wir sagen „Ja“ zum Islamunterricht, aber im Grunde wollen wir mitbestimmen, was unterrichtet wird.

Die Bundesrepublik Deutschland ist gegenüber den Religionen nach dem Grundgesetz ein neutraler Staat. Die tatsächliche Betrachtungsweise aber ist eine andere. Wir akzeptieren religiös begründete Verhaltensweisen weitestgehend nur als kulturelle Erscheinungsformen. Das Fastenbrechen im Ramadan wird von uns als multikulturelles Ereignis verstanden und mitgefeiert.

Unser säkulares Denken wird heute von zwei Seiten herausgefordert. Mit einem zunehmenden muslimischen Bevölkerungsanteil kommt eine stärkere Religionisierung unseres Lebens auf uns zu. Das ist übrigens für die christlichen Kirchen, die sich im Moment noch sehr abwehrend gebärden, auch eine Chance.

Die andere Herausforderung ist schwieriger, weil sie uns selber betrifft. Wir haben die Toleranz gegenüber den Religionen verlernt. Wir führen keinen gleichberechtigten Dialog mit den Religionen. Religiöse Lebensentwürfe werden per se nur als kulturelle Besonderheiten toleriert, nicht aber ernst genommen. Die herrschende säkulare Auffassung in Deutschland akzeptiert die religiöse Auffassung von anderen nicht als denkbare Wahrheit, mit der man sich auseinandersetzen kann. Diese säkulare Intoleranz verhindert die notwendigen Grenzziehungen im neutralen, Religionsfreiheit und Religionsausübungsfreiheit gewährleistenden Staat...